Seit Wochen geistert es durch das Web - jetzt ist es auch in den regulären Medien angekommen. Das Online-Rollenspiel "Pennergame" lässt die Spieler das Leben eines Obdachlosen simulieren. Man startet als "untalentierter Penner am Hamburger Hauptbahnhof" und kann sich von dort bis zum "Bettel-Monopolisten" und Schlossbesitzer hocharbeiten. Es folgt die erwartbare Empörungsroutine und deren mediale Verarbeitung. Am Ende steht v.a. eines: wachsende Nutzerzahlen.
Auf der Webseite des Spiels wird das Prinzip erklärt: "Du bist ein untalentierter Penner am Hamburger Hauptbahnhof und kannst weder Lesen noch Schreiben. Doch du hast das Ziel endlich Reich zu werden. Lerne Lesen und Schreiben um endlich Plakate vor dir aufzustellen um auf dich aufmerksam zu machen. Lerne Gitarre spielen um Leute zu beeindrucken, miete dir einen Einkaufswagen um Pfandflaschen zu sammeln, werde Trickbetrüger und klaue anderen Menschen Uhren, Brieftaschen und Schmuck. Werde zum organisierten Bettelmonopolisten!"wi
Als Interaktionsformen, Funktionen und Handlungsbereiche bietet Pennergame u.a. "Supermarkt für Getränke und Nahrung", "9 Musikinstrumente für ein geregeltes Einkommen", "Pfandflaschen sammeln und verkaufen", "verschiedene Verbrechen begehen", "Promillesystem", "27 verschiedene Haustiere", "Stadtkarte mit 103 Stadtteilen", "Haustierkämpfe". Spieler müssen ihre Figuren durch das Erlernen von Musikinstrumenten oder dem Lesen und Schreiben (damit man Bettelschilder erstellen kann), die Eroberung der besten "Schnorrplätze" oder das Sammeln von Pfandflaschen zum Aufstieg verhelfen.
Was vielleicht als Ulkidee begann, wächst sich mittlerweile zum ausbaufähigen Geschäftsmodell. Die Macher wollen das Spiel auch in andere Länder übersetzen, haben Büroräume angemietet und stellen Web-Designer und Grafiker ein.
Natürlich musste man bei einem solchen Spiel nicht lange auf die Empörung warten.
Susanne Hassen, Pressesprecherin des Diakonischen Werks Hamburg zeigt sich laut Stern schockiert: " Allein schon die Formulierung "Penner"/"Pennergame" ist beleidigend. Darüber hinaus werden alle stereotypen Vorurteile gegen Menschen, die auf der Straße leben bedient und verstärkt. Gegenüber den betroffenen Menschen ist das Spiel zynisch." Die Hamburger SPD-Bürgerschaftsabgeordnete Ksenija Bekeris forderte die sofortige Einstellung des Online-Spiels.
In der Tat: Mit Oberstufenhumor werden hier Klischees über Obdachlose cool-ironisch dekliniert. Andererseits gehört die vorhersehbare Medien-Routine wenn nicht zum Konzept, so doch zu einem Teil verlässlicher Dramaturgie: Auf die Berichterstattung mit der Herausstellung "skandalöser" oder "bedenklicher" Details" folgen Einwürfe der "üblichen Verdächtigen" aus Kirche, Politik und Gesellschaft. Die entsprechen mit ihrer Empörungs-Routine inkl. Forderungen nach runden Tischen, Verboten, Aufstockung der Mittel medienpädagogischer Fortbildung für Lehrer und Erzieher, usw. der Rezeptionserwartung - und am Ende steht v. a. ein enorm gestiegener Bekanntheitsgrad des Spiels, wachsende Nutzerzahlen und die Möglichkeit der wirtschaftlichen Ausnutzung. Denn wo sich eine bestimmte Menge registrierter Nutzer tummelt, wird es zugleich interessant dieses Kapital zu bewirtschaften. Eine Option die sich die Pennergame-Macher in die AGB geschrieben haben: "8.3 FARBFLUT behält sich vor, die Übertragung eines Benutzerkontos/Spielaccounts – auch in Teilen – kostenpflichtig anzubieten."
Zu dem bewährten Hin und Her von Berichterstattung, Kritik und öffentlicher Empörung gehört schließlich eine Reaktion der Adressaten. Die begegnen den Anwürfen souverän: Marius Follert, einer der Urheber von Pennergame, beschwichtigt im Gespräch mit dem Stern: Jugendliche würden Obdachlose nicht als Witzfiguren abstempeln. Im Gegenteil: Pennergame mache "mit Spaß auf das brisante Thema aufmerksam". In den Foren würde über Armut in Deutschland diskutiert, zitiert Stern Marius Follert. Man wolle sogar einen Teil ihrer Erträge an Hilfsorganisationen in Hamburg spenden.
Man fühlt sich an die SchülerVZ-Macher erinnert, die in ihren Presseerklärungen beim Start des Community-Portals in vorauseilender Auffangbewegung der vorhersehbaren Kritik und Skepsis ankündigten, "einen Beirat aus Schülern, Eltern und Lehrern sowie Jugendschutzexperten aufzubauen" - von dem man bis heute nichts gehört hat. Die Ankündigungen indes klangen so, als habe man es mit einem gut gemeinten Produkt der Bundeszentrale für politische Bildung zu tun: "Wir setzen bei der Entwicklung des Netzwerkes auf einen intensiven Dialog mit Schülern, um ein optimales, zielgruppengerechtes Angebot zu entwickeln. Dafür wollen wir auch Schüler-, Eltern- und Pädagogenverbände einbinden und damit einen gesellschaftlichen und sozialen Mehrwert erzielen."
Und jetzt also Pennergame als jugendgerechtes Instrument für die Beförderung gesellschaftspolitischer Diskussion. Entscheidend für das Spiel und die Betreiber bleibt der Erfolg und die Verbreitung des Spiels. Da gehören der absehbare "Skandal" und die darauf folgende Berichterstattung zum Geschäftsmodell.
Zum Thema auch:
Überraschungserfolg Pennergame in der Online-Ausgabe der Frankfurter Rundschau
Von der Gosse in die Villa in der Online-Ausgabe des Stern
Politikerin kritisiert Online-Spiel über Obdachlose bei heise
Rette Amy Winhouse vor dem Entzug! - Kalkulierte Aufregung als PR-Instrument



Informationen zum Artikel
Kommentarbereich
0 Kommentar(e) zu "Pennergame: Empörungs-Routine als PR-Instrument"Kommentare